lara goldmann

Wenn Maria tanzt
Zur Ausstellung
Marien – Leben (vom Sicht- und Unsichtbaren)
Katharina Neuweg
26. Juli 2025
- Ort: Kulturquartier
Kürzlich sprach man über Rilke, und den Hindemith, und dann eben über die ganze Chose mit der Maria und den Bildern. Das war natürlich, je nachdem auf welche Quelle man sich beruft, entweder eine ganz großes Thema[1], denn man sprach ja hier von Rilke, und Hindemith und eben der Maria, oder aber nur “eine ganz kleine Sache.”[2]
Und man sprach auch darüber, was das alles dann mit der Malerei zu tun haben könnte. Denn die Malerei, die schien dem Rilke doch sehr wichtig, und nun ja, uns auch.
Mit Malerei haben wir es hier doch zu tun. Und da ist es dann doch interessant, was die Malerei so macht–mal ganz klein und mal ganz groß. Sehr oft, vor allem beides. Erst mal zur der kleinen Sache bei Rilke, die der Hindemith doch eher sehr groß und verhältnismäßig komplex gestaltete. Man kann das ja nachlesen. Besser man hört nochmals hin. Und wie es mit den großen Sachen so ist, wusste der Hindemith, das sollte wohlüberlegt sein. Sozusagen ein Baukastensystem, in dem die Elemente, wohl ein Ton, ein Rhythmus, die ganze Struktur, sich all das schön aufbauen lässt. Eine simple Struktur mit größtmöglichster Variation, strategisch angelegt die ganze Sache, um den elementaren Grundbau vernünftig zu verankern. Den elementar ist es, wenn man über die Maria spricht.
Und wenn wir nun schon bei den elementaren Dingen sind , mit der Maria und den Bildnissen und den Tönen, also den vielen Elementen, dann sind die Teilchen natürlich auch nicht weit. Womit man dann auf einmal bei den Atomen, und natürlich den Neutronen, und überhaupt der ganzen Sache mit der Quantenphysik, ist. Und ab da wird’s dann ganz schön schräg. Beziehungsweise ist es mit der Klarheit dahin. Darin zumindest ist man sich allemal einig. Nicht dass man das verstehen muss.
Womit wir wieder, einmal um die Ecke gedacht, bei der Malerei sind. So ganz lässt sich die ja auch nicht verstehen. Das hat auch seinen Grund, Gründe, Abgründe oder gar Untergründe. Denn die Malerei ist immer auch eine kleine (oder größere) Revolte natürlich, gerade weil sie der Quantenphysik so unheimlich nahe kommt in ihren Ideen . Und natürlich sprechen wir hier von Ideen, dem was bleibt in seiner stetigen Veränderungen. Wie auch die Malerei. Die bleibt, weil sie sich immer wieder neu zurecht figuriert und neue Ebenen bildet. Sagt doch der Herr Anton Zeilinger so schön, nämlich das „die Natur auf unterster Ebene unscharf” ist. Und der Herr Zeilinger, dem kann man glauben. Der Nobelpreisträger Zeilinger kann sich da natürlich auf den Heisenberg beziehen, und die wunderbare Unschärferelation. Und da hält der Herr Zeilinger es dann auch noch mit der Bibel, was sich gut trifft da wir gerade von den Marienbildern sprechen, und meint dass man sich von der Quantenphysik besser kein Bild machen sollte, weil man die Wirklichkeit nunmal nicht erfassen kann.[3]
Und da fällt der ganze Baukasten zusammen. Und die Teilchen rollen und purzeln heraus, oder sind es doch Wellen? Denn irgendwie versuchen wir doch über die Marienbilder des Rilke zu sprechen, und die Malerei ganz generell, und überhaupt, die Hindemith-Vertonung. Natürlich vor allem dann doch speziell über die Malerei der Katharina Neuweg. Also die Malerei, die sich dann eben doch, trotz der Unschärferelation, ein Bildnis macht, die kleine, immer währende Revolte der Malerei, wohl wissend, dass die Natur auf unterster Ebene unscharf ist.
Oder ist es vielleicht so ? Dass die Malerei die Wirklichkeit ist, von der wir uns besser kein Bildnis machen, eben weil die Natur auf unterster Ebene unscharf ist.Weil doch immer ein wenig Einstein in uns ist, und der Albert Einstein bestand darauf- die Bildnisse brauchen wir.
Wie wir nun schon seit Jahrhunderten versuchen, sie scharf zu stellen, und es nicht so recht gelingen mag, das ist doch interessant. Denn die Wirklichkeit, die entzieht sich uns, in ihrer Unschärfe. Da kommen wir ins Zweifeln, ja gar ins Verzweifeln. Das nervöse Lächeln, die unbeholfenen Worte, und ja, doch, die betretene Stille. Sie wissen schon was ich meine.
Diese verlegene Unbeholfenheit ist durchaus komisch. Allerdings auch tragisch. Und sicherlich der Grund, warum wir doch immer wieder zurückgeworfen werden, unerwartet, auf das, was uns entflieht. Dort an der Grenze unserer Wahrnehmung, wo wir auf einmal ganz scharf die Unschärfe wahrnehmen. In den Worten des Herrn Rilke, in den Tönen Paul Hindemiths und in den Bildern der Katharina Neuweg. Wieso wir sie brauchen, diese flüchtige Poesie,
diese strömenden Klangwellen und die Teilchen der Malerei.
Und wie es so ist hat man nun doch eine ganze Menge über die Maria geredet ohne sie je in Betracht zu ziehen, und dass ist nicht wirklich allzu überraschend, so ist das mit den Damen schon immer gewesen - im großen Bild der Herren fallen sie doch zumeist aus dem Rahmen, und weil das auch so eine Geschichte ist die wir hier nun wirklich nicht auspacken wollen, aber ebensowenig diese allzu historische und gegenwärtigen Fehler wiederholen wollen, deswegen nun also ein paar Worte zu der Maria, also zu den Damen, den das ist ja Maria, der Kontaktabzug der Damen sozusagen. Und hier lassen wir also die Herren und ihre ganze Tragik zurück, dieses Tragische, das die Herren doch so gerne in den Damen haben. Doch die Damen, verehrte Herren, die wissen das diese projizierte Tragik so gar nicht ihre Sache ist. Die Damen verehrte Herren finden diese vermeintliche Tragik vielmehr äußerst komisch. Von der Tragik will die Maria vielleicht gar nicht so viel wissen, den dieses Unnahbare das die Herren so gerne fassen würden, das nie endende scheitern der Herren diesbezüglich, das kann Maria nur komisch finden, den sie weiss dass das Wissen hier nicht weiterhilft, und so kann sie mit der Unschärfe verweilen. Dort, in der untersten Ebene, wo es so unscharf ist, dort finden wir Maria und Rilke sieht sie auch dort, wo sie ist, auf der untersten Ebene der Natur, im Untergrund also, das kann man hören in den Versen. Und dort verweilend vertraut Maria dann dieser zweifelhaften Wirklichkeit, vertraut das diese unscharf bleiben muss, und dass das nicht tragisch ist sondern eben verwunderlich komisch. Wie sagt Rilke so schön, “Eine Nachbarin kam und klugte und wusste nicht wie,/ und der Alte, vorsichtig, ging und verhielt das Gemuhe/ einer dunklen Kuh./ Denn so war es noch nie.”[4]
Denn es ist immer so, wie es noch nie war. Auf diese Unschärfe kann Maria wohlwissend vertrauen. Wissen, das man nicht weiss. Nicht wirklich. Und da rührt das komische Lächeln der Damen her, eben wohlwissend, dass die Unschärfe die Wirklichkeit ist, die wir nicht wissend gerne doch leben. Sich dieser Unschärfe nähern, oder vielmehr sich leichten Fußes durch sie hindurch und nebenher bewegen, also fast schon im Tanzen, die entfliehende Wirklichkeit begleiten, bestaunen und akzeptieren. Und hier den, wo die Bausteine des Hindemith aus dem Kasten purzeln, hier den, sind wir, mit den Bildern, den Bildnissen, die ganz unlogisch und also äußerst unscharf und in jedem Fall eine ganz wunderbar heuristische Angelegenheit sind . Hier sind wir bei diesen Bildern der Maria, also nein, genauer gesehen bei den Bildern der Katharina Neuweg, also den Bildern des Marien-Leben. (vom Sicht und Unsichtbaren).
Da ändert sich der Ton natürlich . Denn hier nun, endlich, sind wir bei der Freude. Und was für eine Freude. Ei-Tempera, Aquarell und Leinwände, Farbe und Stille….aber auf der Flucht. Diese ungeheure Freude, die sich entzieht, weil die Farben aus der Leinwand leuchten, die Leinwand die zyklische Bewegung der kreisenden Formen nicht halten kann. Weil alles drunter und drüber tanzt, und dennoch–diese Ruhe. Das ist die Wirklichkeit, von der wir uns besser kein Bildnis machen, denn das Leben, das kann man nicht einfangen, das flieht in seiner Lebendigkeit, das Leben das muss man, man muss das nun einfach erfahren. Betrachtet man die Bilder, oder vielmehr spürt man diese Bilder, da versteht man, bzw. man versteht das es ums verstehen allein nicht geht.
Und dieses Erfahren ist alles zugleich, weder das eine noch das andere, aber auch mehr als dies und das. Es ist dann doch so, dass die unfassbare Wirklichkeit dessen was es bedeutet zu leben, also das Leben, mit der Logik nicht so viel am Hut hat. Und das ist schwierig, weil wenn wir ehrlich sind, sowohl die Damen als auch die Herren, begreifen möchten wir doch gerne. Das Leben. Aber die Unmöglichkeit dessen, sich davon ein Bildnis zu machen, was so gar nicht Bildnis ist, das kann dann doch nur ganz wenig. Vielleicht ist das noch so eine Gemeinsamkeit, der Malerei und der Physik. Wie sagte doch so zutreffend, der Physiker Erwin Schroedinger: “Life is something that keeps on moving long after it should have stopped.”[5] Und so ist es mit der Malerei, hier, nun auch….die bewegt sich über die Rahmen hinaus, in den Raum und durch ihn durch, sie wirft uns umher und das ist verwirrend aber die Verwirrung ist nicht erschreckend und verunsichernd, vielmehr ist sie ein stetiges Erstaunen, ein Wundern, und freudig, komisch –aber gut, ja, auch tragisch. Weil wir es nicht halten können. Dieses Wundern, die Freude. Aber das ist ebenso Teil des Wunders. Also des Lebens. Es kommt wieder. Zyklisch. Und jedes Mal ein wenig anders, weil es lebt, weil es sich bewegt, weil es tanzt, und sich stößt und dreht, und dabei alles mögliche in Bewegung setzt. Das ist ganz und gar die Wirklichkeit der Damen, Assuntaalso, die An-/und Aufnahme, wie alles wiederkehrt, nur anders und immer weiter, aber nicht vorwärts. Das zu malen, das zu halten, während es schon entschwindet, das Sichtbare im Unsichtbaren, wie soll man es anders sagen…das ist einfach schön. Wirklich und
unglaublich schön.
Das wir uns irren werden, hier und dort also jetzt und nachher, das ist das, was uns die Malerei schenkt. Da hält es Katharina Neuweg gerne mit noch einer Dame, der Helene Frankenthaler, die darauf vertraute, auf dieses riskante Irren, auf dieses Wundern. "I'd rather risk an ugly surprise than rely on things I know I can do." Das Irren. Denn nur dann, wenn wir wissen, dass unser Irren immer auch das Wirkliche ist, dass wir nicht greifen und halten können, nur dann, können wir finden, was wir nicht wussten, das wir bereits haben. Die Überraschung. Das Erstaunen. Das muss man nicht verstehen. Man kann dem nur vertrauen. Wie Katharina Neuweg es schafft in ihren Bildern, wenn die Malerei das Tanzen beginnt, stolpert und sich aufrichtet, schmunzelt und weitertanzt. Das ist eine Akzeptanz die der Anfang ist zu dem es kein Ende gibt. Das Leben eben. Die Malerei. So war es noch nie.
[1]Stefan Schank. “Eine Frau Himmels und der Erden: Zu einer neuen Ausgabe von Rilkes Gedichtzyklus "Das Marien-Leben"”. Literaturkritik.de: (https://literaturkritik.de/id/4712)
[2] Rainer Maria Rilke in einem Brief an Amélie de Gamerra 22,Januar 1920.(Literaturkritik.de: (https://literaturkritik.de/id/4712)
[3] Anton Zeillinger. “Quantenphysik ist wie Jazz–man folgt dem momentanen Drive” in Die Zeit Nr 27 (26. Juni 2025)
[4] Reiner Maria Rilke. Das Marien-Leben. E-artnow. (ISBN 978-80-273-7153-2)
[5] Schrödinger, Erwin. What Is Life? The Physical Aspect of the Living Cell. Cambridge
University Press, UK, 1944.